Nichts menschlicher als das! – Der steinige Weg zur neuen Fehlerkultur

10.05.2021 Public Affairs von Christiane Zimmer 

Ist es heute trendy, sich zu entschuldigen? Nachdem Angela Merkel sich vor Ostern für den wenig durchdachten Mini-Lockdown zwischen den Osterfeiertagen entschuldigt hatte, ging diese Frage durch die Medien. Kurzzeitig entbrannte eine Diskussion um die scheidende Kanzlerin, ihre vermeintlich nicht mehr existente Durchsetzungsfähigkeit und letztlich die Frage, ob sie damit ihre politische Macht gänzlich eingebüßt hat oder sich eine persönliche Entschuldigung deshalb leisten konnte, weil sie in den letzten Monaten ihrer Kanzlerschaft nichts mehr zu befürchten hat.

Zwei Dinge sind hierbei interessant:
1. Der mediale Verlauf dieser Mini-Krise.
2. Die Frage nach der viel beschworenen Fehler- und Entschuldigungskultur.

Letzteres gleicht einem Wellen-Issue. Traut sich eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, einen Fehler einzugestehen, werden alle hellhörig. Fehler sind ein willkommener Anlass zur spontanen, kritischen Meinungsbildung. Ist die Entschuldigung allerdings glaubhaft und folgt ihr ein Lösungsangebot, ist die Sache schnell vergessen. Aus dieser durchaus menschlichen Reaktion wird klar, dass es gar nicht so sehr um die Sache geht, sondern um das Fehlverhalten an sich, den Reputationsverlust. Der Satz: „Es tut mir leid!“, ist ein Zeichen von Schwäche. Fehler machen ist menschlich, aber passiert einem etwas Menschliches, ist es ein Fehler.

Selbst einem Quantencomputer wird erlaubt, bei seinen Berechnungen zu versagen. Dann wird an der Programmierung gefeilt, der Fehler beseitigt und gut ist es. Macht ein Mensch einen Fehler, sieht das anders aus. Bei den Kindern versucht man, durch Erziehung Herr über ihre Fehler zu werden, denn aus ihnen soll ja etwas werden. Aber was? Fehler sind Zeichen eines Mangels und Mangelware ist B-Ware. Dass es aber Zeichen eines Entwicklungsprozesses und damit von Stärke und Rückgrat sein könnte, wenn jemand in der Lage ist, einen Fehler einzugestehen – diese Sichtweise kommt selbst in der Kindererziehung zu kurz. Mehr noch: Fehler sind notwendig, um erkennen zu können, was richtig und was falsch ist.

Aber es gibt Hoffnung. Immer mehr hochrangige Politiker und Wirtschaftsvertreter gehen mit gutem Beispiel voran. Hier scheint die Corona-Krise auch etwas Gutes zu haben. Denn sie lehrt die Unvorhersehbarkeit und die Unbestimmtheitsstellen im Leben – vor allem in Krisen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ist unter den Politikern ein Vorbild im Entschuldigen. Sei es für zu spät ausgezahlte Corona-Hilfen oder Fehlberechnungen bei der Schallbelastung der Windkraftanlagen: Fehler werden genannt und Lösungen versprochen. Das reicht fürs Erste, um den sprichwörtlichen Wind aus den Segeln zu nehmen. Denn Altmaier weiß bei allen Entschuldigungen seine Glaubwürdigkeit zu wahren.

In der Wirtschaft sieht das manchmal anders aus. In seiner Kolumne im Handelsblatt schrieb jüngst #Klaus Hansen, langjähriger Partner der Personalberatung Odgers Berndtson, dass zwar die Zeiten überwunden seien, in denen man vom Chef erwartet habe, alles zu wissen und ein Fehler dem Bild des „unfehlbaren Chefs“ einen Riss gab. Dennoch sei es der Vorgesetzte, von dem ein glaubwürdiger Wandel ausgehen müsse, um die „viel beschworene Fehlerkultur, die moderne Unternehmen brauchen“ umzusetzen. „Menschliches Verhalten in komplexen sozialen Systemen, wie es Unternehmen nun mal sind, steht unter ständiger Beobachtung und Bewertung. Und Führungskräfte müssen nun mal bei ihrem Verhalten besondere Maßstäbe gelten lassen“, schreibt Hansen. Und weiter: „Wie oft immer noch gestandene Topmanager der Hybris unterliegen, ihr Verhalten vor niemandem rechtfertigen zu müssen. Wenn sich Arroganz, Ignoranz und Eitelkeit treffen, ist Fehlverhalten vorprogrammiert.“

Aber wie alles hat auch die Fehlerkultur zwei Seiten. Wer sich entschuldigt, braucht ein Gegenüber, das die Entschuldigung annimmt. Und hier meint es die Gesellschaft mit den Fehlenden nicht immer leicht. Das Verzeihen eines Fehlers scheint ebenso schwierig zu sein wie das Eingestehen von Fehlern. Das Beispiel Merkel und die Osterruhe hat gezeigt, wie die Entschuldigung der Kanzlerin tagelang medienwirksam in Sondersendungen, Experteninterviews und Talkshows diskutiert wurde. Vielleicht mögen manch einem Zweifler an der Glaubwürdigkeit einer Entschuldigung die Worte Ciceros in den Ohren klingen, der sagte: „Sapientem [...] nunquam cuiusquam delicto ignoscere", (dt. „Der Weise, d. h. der vernünftig denkende und rechtschaffen handelnde Mensch, verzeiht niemals.“; Pro Mur. 61). Oder auch die Worte von Jesus am Kreuz: „Herr, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, steht in der Ostergeschichte des Lukas-Evangeliums. In seiner Schrift „Menschliches, Allzumenschliches“ hat Nietzsche den Ausspruch von Jesus ergänzt. „Wie kann man ihnen überhaupt vergeben, wenn sie nicht wissen, was sie tun! Man hat gar nichts zu vergeben.“

In die Mini-Krise um die Osterruhe ist schnell wieder Ruhe eingekehrt. Der Debatte um eine neue Fehlerkultur in Deutschland hat die Entschuldigung der Bundeskanzlerin dennoch neuen Auftrieb gebracht. Denn sie führt vor Augen: Fehler machen ist menschlich und macht vor keiner Hierarchie halt. Einen Fehler einzugestehen, ist ein Zeichen von Stärke. Jemandem zu verzeihen, ist menschlich und stark.

 

# Reputation # Glaubwürdigkeit

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