Wind of change? Oder business as usual?

21.03.2022 Krise & Wandel von Dr. Hubert Becker 

„Krieg“? „Konflikt“? Oder „Ereignisse“? Wie klar muss Sprache sein, um nicht an der falschen Stelle zu verharmlosen? Wir sind nicht besonders geübt darin, mit existenziellen Krisen umzugehen, die die gesamte Gesellschaft und darüber hinaus die geopolitische Lage verändern. Der Krieg (sic!) in der Ukraine zwingt dazu, Haltung zu zeigen, die sich auch in der Sprache ausdrückt. Sorgsam sollten wir dieser Tage alle Aussagen und Texte prüfen, wie sensibel ihr Kontext ist und wie notwendig oder angemessen Hinweise auf die übergreifende Lage sind.

Das Spektrum der „Gelegenheiten“ für klare Haltung und Sprache reicht von der E-Mail an Kolleg/innen bis zu offiziellen Dokumenten wie Geschäftsberichten oder Unternehmensmeldungen. Drei Fragen, die bei der Abwägung helfen können, möchte ich anbieten. Pauschale Antworten gibt es allerdings leider nicht:

1. Ist es angemessen, reguläre Kommunikationsthemen aktuell überhaupt weiter zu verfolgen und wie vorgesehen umzusetzen? Durchaus haben wir in den vergangenen Wochen geplante Meldungen zurückgehalten oder Schwerpunkte verschoben. Aus Respekt vor den Menschen und der Aufmerksamkeit, die die Not der Ukrainer erfordert. Doch das wird nicht unbegrenzt möglich sein, so lehrt es die Erfahrung. Dennoch: Die Sensibilität müssen wir wachhalten.

2. Wann kann oder muss ein Bezug oder eine Einordnung zum Ukrainekrieg erfolgen? Einerseits muss Kommunikation deutlich machen, dass man nicht unbeeindruckt zum Tagesgeschäft übergeht. Andererseits darf auch nicht der Eindruck erweckt werden, dass nun jedes Thema zwanghaft mit der weltpolitischen Entwicklung in Verbindung gebracht werden muss. Der Grat zwischen ehrlicher Anteilnahme, floskelhafter Erwähnung und Übergang zum business as usual ist schmal. Ihn zu ignorieren, hilft allerdings nicht.

3. Wie „neutral“ kann Sprache sein, wenn es um Menschenleben und Vertreibung geht? Ein Krieg ist ein Krieg. Wer sich hinter Euphemismen versteckt, verlässt zumindest bei existenziellen Fragen den Boden einer klaren Haltung. Natürlich ist Sprache dazu da, um zu differenzieren und zu vermitteln. Ohne Dialog, Austausch und Verständnis wird es keinen Frieden geben. Aber Werte und Ethik dürfen dabei nicht auf der Strecke bleiben.

Werte, Haltung und Sprache basieren auf kultureller Prägung. Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben, und der Austausch mit unseren Familien, Freunden, Kollegen und allen anderen Menschen, denen wir begegnen, entwickeln diese Grundlagen stetig weiter. Diesem Moving Target muss sich auch die Kommunikation stellen. Ich nenne das Kommunikationskultur. Offenheit ist eine Voraussetzung dafür – fester Boden unter den Füßen eine andere!

 

 

# Kommunikation # Sprache # Krise

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