Qualitätsjournalismus braucht PR – und umgekehrt

04.05.2021 Krise & Wandel von Johannes Zenner 

Die Corona-Pandemie zeigt, wie unverzichtbar Qualitätsjournalismus ist. Für objektive Berichterstattung braucht es wandlungsfähige Medien – und pragmatische Journalisten ohne Scheuklappen.

„Ich glaube nicht, dass sich die Zeitungsbranche selbst retten kann“, sagte der US-amerikanische Journalismus-Professor Erik Alterman bereits im November 2008. Und? Trotz wachsender Anforderungen ist bisher kein mediales Massensterben eingetreten. Manche Spieler erfinden sich stetig neu. Beispiel Handelsblatt: Die „Innovation Week“ steht für diesen frischen Geist zum 75. Geburtstag. Alles dreht sich um Innovation und Zukunft. Dies soll kein plumper Lobgesang auf ein wohlverdientes Wirtschaftsmedium sein. Vielmehr geht es darum, dass wir nach etwas mehr als 75 Jahren mit Ende des Nazi-Regimes, frei von Weltkriegen, aber aktuell gebeutelt von einer weltweit wütenden Pandemie, den Wert kritischen Qualitätsjournalismus erkennen und zu schätzen wissen.

Relevanz mit Einordnung

Sei es für Nachrichten, Fachinformationen und deren Einordnung wie auch als praktischer Ratgeber für Konsumentscheidungen – von Autos über Geldanlagen bis zur Zahncreme: Verbraucher brauchen Orientierung. Nutzwert-Journalismus ist hier das A und O. Aber wie so vieles ist auch dieser einem Strukturwandel unterworfen.

Drei steile Thesen:

1. Print schrumpft – digitale Vielfalt wächst.

Bis zur Mitte dieses Jahrzehnts dürfte nach Erhebungen von FAZ und Statista die Zahl der Print-Leser hierzulande um neun Millionen oder knapp 30 Prozent sinken. Zugleich, so die Schätzungen, nehmen die Online-Leser um etwa ein Fünftel zu. Das Nutzerverhalten ändert sich mit den Wünschen, etwa nach mobilem Lesen. Einhergehend: dynamischere Formate mit mehr Videos sowie Infografiken bei modularem Storytelling. Auch Wirtschaftsjournalismus wird also immer visueller und nutzerfreundlicher, aber nicht technischer.

2. Stichwort: Technik – featuren statt fürchten.

Die Tech-Branche, obgleich auch Anzeigen-Kunde bei Handelsblatt & Co., entwickelt sich zum digital-dominanten Konkurrenten: Viele Informationen sind gratis online verfügbar. Das Werbegeschäft - Google ist Lehrmeister - findet inzwischen mehrheitlich im Internet statt. Hier können die klassischen Verlage mithalten, müssen aber gleichwohl ihre Kernstärken auch online ausspielen: Multiperspektivität, Meinungsfreiheit und Informationsfokus. Wertschöpfend mit Preisschild versehen, sind faire Bezahlschranken für Mehrwerte bei Features und Dossiers ein guter Weg.

3. Zu Public Relations bekennen.

Vermeintliche Edelfedern sollten ihre Abseitsfalle aufheben und Spaß am Spiel finden. Das läuft ohnehin ressourcenbedingt bereits auf Hochtouren. Laut dem Leipziger PR-Professor Günter Bentele gibt es in Deutschland mindestens dreimal so viele Menschen in der Öffentlichkeitsarbeit wie vor 30 Jahren. Deren Zahl lag Ende der 1980er bei etwa 16.000. Kurzum: Journalisten und PR-Praktiker betreiben den gleichen Sport – in einer Liga. Beide produzieren Inhalte und sind Multiplikatoren. Gerade im Finanz- und Kapitalmarktbereich wird das Ziel des verständlichen Informationstransports gemeinsam verfolgt. Zentral bleibt, dass PR-Inhalte journalistischen Kriterien genügen. So haben Verlage freie Auswahl, können veredeln, wo nötig, liegen lassen, was nicht taugt.

 

 

# Journalismus # Digital # Zukunft # Innovation

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