Mit dem Strom schwimmen – oder individuell Substanz stärken

24.08.2021 Krise & Wandel von Johannes Zenner 

Von Politik übers Feuilleton bis zur Wirtschaft wird diskutiert: Wo stehen wir bei Klimawandel und Energiewende? Weiß keiner so wirklich. Doch damit verbundene Geldanlagen gehen weg wie weiße Turnschuhe veganer Herstellung.

Der Klimawandel ist ein emotionales Thema, Fakten sind oft zweitrangig. Beispiel Ökostrom. Zahlen kursieren genug – je nach Auftraggeber und Studie optimistisch stimmend oder eben nicht. Mich ernüchtert es. So sehen manche Experten je nach Bezugsgröße die „neuen Erneuerbaren“ im Gesamtmix aktuell bei nur 4,8 Prozent.

Fakt ist: Seit 250 Jahren fußen Fortschritt und Wohlstand auf Kohle, Öl und Gas. Und jetzt: Bitte alles anders – in rund 25 Jahren wollen wir komplett klimaneutral wirtschaften. Das ist mehr als nur ein Paradigmenwechsel für Konzerne, Mittelständler und Kleinbetriebe – und die wohl größte industrielle Revolution seit mehr als 100 Jahren. Nicht nur der kleine Bioladen ums' Eck, auch Mega-Stromschlucker wie Bayer und BASF müssen sich dann grün genügsam zeigen.

Green Deal: Klimapolitik ist Industriepolitik

Stichwort Chemieindustrie: Allein sie verbraucht in rund 25 Jahren so viel Strom wie Deutschland derzeit insgesamt. Ob das klappt mit der Klimaneutralität? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sehen wir uns mal um. Nach Norwegen: Zwar einer der größten Erdgas- und Ölexporteure Europas – aber der Strom fürs Inland kommt zu 98 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen. Klar ist: Klimawandel mitsamt nötiger Energiewende sind so real wie nötig. Die tendenziell höheren Temperaturen spürt jeder von Flensburg bis München, mit Waldbränden in Südeuropa und Starkregenfluten in Deutschland als Symptome.

Nicht alles grün, was glänzt – und umgedreht

Allerdings: An den Kapitalmärkten ist durch die Klimasensibilität etwas zu viel Musik drin. Bewertungen sind verzerrt – teils tiefgreifend. Laut Börsenlegende Dr. Jens Ehrhardt sind einige grüne Aktien viel zu teuer, etliche Kurs-Gewinn-Verhältnisse zu hoch, beispielsweise bei dänischen Umweltunternehmen. Ein allgemeintauglicher Trend schlägt die Substanz. Wird zum Buzz-Thema, dass sich verselbstständigt. Blasengefahr am Kapitalmarkthorizont.

Grüne Gier?

Gut gemeint ist nicht immer gut für alle. Hier sind aber nicht Fondsbranche und ihre nimmermüden Marketing- und Vertriebshorden schuld, Motto: „Ihr jazzt doch die nachhaltigen Geldanlagen wie bekloppt hoch!“ Nein. Am Ende sollte sich jeder Anleger selbst fragen, warum er in etwas investiert und dazu seine Bank bzw. Berater in die Pflicht nehmen. Denn: Wer hier seinen Job verantwortungsvoll und kundenfokussiert macht, erklärt selbstverständlich, warum sich ein Fonds oder Einzelinvestment persönlich eignet. Und zwar ganzheitlich, nicht nur unter „grüner“ Vertriebsbrille. Verständnis schafft Vertrauen – und das verkauft.

Dies zeigen hierzulande die jüngsten Zahlen des Fondsverbands BVI. Mit 110 Milliarden Euro Nettozuflüssen nähern sich die deutschen Fondsanbieter dem Rekord des Jahres 2015. Nachhaltige Fonds verwalteten bereits zur Jahresmitte satte 361 Milliarden Euro. Somit hat jeder Deutsche im Schnitt rund 4.500 Euro in Nachhaltigkeitsfonds investiert. Gut so. In Zeiten von Null- bis Negativzinsen bei zugleich Verwahrentgelten für Tages- und Festgeld sollten Verbraucher ihr Vermögen im Kapitalmarktkontext schützen und mehren – und die Fondsbranche zeigen lassen, was sie verspricht. Gern auch nachhaltig, aber bitte stets ausgewogen im Geldanlage-Gesamtmix.

 

# Energiewende # Klimawandel # Green Deal # Investitionschancen

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