Umbruch im Asset Management

21.03.2022 Kapitalmarkt & Investor Relations von Dirk-Arne Walckhoff 

Die Asset-Management-Branche steht zweifellos weiterhin vor erheblichen Herausforderungen. Die Jahre seit der Finanzkrise 2008/2009 waren bekanntlich maßgeblich geprägt von einer Zinsentwicklung, die nur eine Richtung kannte: nach unten. Speziell in den vergangenen beiden Jahren, also seit dem Ausbruch der Pandemie, haben geld- und fiskalpolitische Maßnahmen diese Entwicklung noch einmal verstärkt, um nicht zu sagen auf die Spitze getrieben. Damit haben sie seit April 2020 für eine scheinbar unendliche Rallye an den Aktienmärkten gesorgt. Im Ergebnis begeisterten sich immer mehr Anlegerinnen und Anleger für Aktien. So konnte das Deutsche Aktieninstitut DAI im Januar 2022 freudig feststellen: „Das Vertrauen in Aktien bleibt ungebrochen - 2021 war ein gutes Jahr für die Aktienkultur in Deutschland.“

Des einen Freud, des anderen Leid: Zugleich stellte das scheinbar endlose Niedrigzins-Tal institutionelle Anleger, insbesondere Stiftungen, Versorgungswerke und Pensionskassen vor immer größere Schwierigkeiten, ihre eingegangenen langfristigen Verpflichtungen erfüllen zu können (Stichwort: Garantiezins).

Steigende Anforderungen, wachsende Angebotsvielfalt

Für Asset Manager bedeutete dies, eine wachsende Variabilität an den Tag legen zu müssen. Insbesondere für institutionelle Anleger mussten mit zunehmender Dauer der Null- und Niedrigzinsphase immer mehr und immer anspruchsvollere Angebote entwickelt werden, damit diese Renditen innerhalb der bestehenden regulatorischen Vorgaben erzielen konnten. Das führte nicht zuletzt zu einer signifikanten Ausweitung des Alternative-Investment-Angebotes.

Im B2C-Bereich, also gegenüber Retailanlegern, lagen die Herausforderungen zur gleichen Zeit an ganz anderer Stelle, waren aber nicht minder groß. Hier ging es darum, Angebote „massentauglich“ und skalierbar zu machen. Der Aufstieg passiver Produkte schuf in Verbindung mit digitalen, algorithmenbasierten Robo-Advisor-Angeboten neue Möglichkeiten.

Überhaupt das Thema Digitalisierung: Die Pandemie hat sich hier sowohl für das Employee-Engagement als auch für die Kommunikation mit Vermittlern und Endkunden als ein gigantischer Treiber erwiesen. Gerade Dienstleistungsanbieter leben vom persönlichen Kontakt zu ihren Kundinnen und Kunden. Wer bereits zu Beginn der Pandemie hybride, vor allem digitale Angebote für seine Kundinnen und Kunden und solche, die es noch werden wollen, aufgebaut hatte, besaß gute Voraussetzungen, die Einschränkung des persönlichen Kontaktes zu kompensieren.

Last but not least galt und gilt es in immer stärkerem Maße, die stetig wachsenden regulatorischen Anforderungen, allen voran im Bereich der Nachhaltigkeit, zu berücksichtigen, umzusetzen und im besten Falle aktiv zu gestalten.

Der Umbruch hat längst begonnen

All diese Herausforderungen – hoffentlich mit Ausnahme der Pandemie – werden die Branche auch in der Zukunft begleiten. Es wird allerdings Veränderungen geben:

1. Die Dynamik wird noch einmal deutlich größer werden. Die Corona-Pandemie sowie die aktuelle geopolitische Eskalation zeigen: Ereignisse werden immer kurzfristiger vorhersehbar – wenn überhaupt. Vor allem schnelle Reaktionsfähigkeit ist gefragt, aber auch ein voraussichtlich nochmals deutlich steigender Individualisierungsgrad an Angeboten in unterschiedlichsten Bereichen.

Der Zwang zu weiterer Ausdifferenzierung ihrer Angebotspalette verbunden mit einer hohen Dynamisierung beziehungsweise immer kürzeren Reaktionszeiten wird die Branche in den kommenden Jahren prägen. Erschwerend kommt hinzu, dass der regulatorische (Nachhaltigkeits-)Druck ebenfalls weiter steigen und an Tempo eher noch zulegen wird.

2. Diese Entwicklungen dürften die bereits in vollem Gang befindlichen Konsolidierungen in der Branche weiter vorantreiben. Denn der Ausbau der Produkt- und Angebotspalette lässt sich häufig besser anorganisch bewältigen. Zusammengelegte „Assets under Management“ liegen deutlich höher als einzelne, so lassen sich Kosten unter Umständen besser skalieren. In diesem Zusammenhang zeichnet sich in gewisser Weise eine stärkere Ausdifferenzierung ab: Auf der einen Seite die „großen“, oftmals internationalen Anbieter, mit einer umfassenden Leistungspalette. Auf der anderen Seite kleinere hochspezialisierte Anbieter, die ganz bestimmte Nischen abdecken.

Individuelle Kommunikations- und Dialogformate wichtiger denn je

Neben allen Herausforderungen bieten die genannten Entwicklungen eine große Chance: Die Chance zur stärkeren Differenzierung. Asset Manager müssen die Zukunft in einem harten Wettbewerbsumfeld stärker denn je aktiv gestalten, und dies wird ihnen umso besser gelingen, je fundiertere Inhouse-Kapazitäten sie haben, nicht zuletzt im Research-Bereich.

Aber auch die Kommunikation ist gefordert: Nicht nur bei den Produkten, sondern auch im Dialog mit Vermittlern, Kunden und auch Medien werden individuelle und zugleich hybride Angebote und Dialogplattformen künftig entscheidend dazu beitragen, das eigene Profil zu schärfen und sich im Markt zu behaupten.

 

 

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