Aus 30 mach 40 – brillante Idee oder einfach mehr Wein in alten Schläuchen?

17.08.2021 Kapitalmarkt & Investor Relations von Dr. Götz Schlegtendal 

Im September wird sich die deutsche Börsenlandschaft verändern. Der lieb gewonnene Dax mit 30 Werten wird dann um zehn Titel erweitert. Gleichzeitig schrumpft der MDAX um zehn Werte auf dann 50 Gesellschaften. Dieser Schritt ist Teil der Maßnahmen, die die Deutsche Börse in Folge der skandalträchtigen Insolvenz des ehemaligen Münchner DAX-Wertes Wirecard beschlossen hat.

Wir erinnern uns: Nachdem sich die zahlreichen Vorwürfe über Bilanzfälschung immer weiter erhärtet hatten, eine Sonderprüfung nur unbefriedigende Ergebnisse brachte und Wirecard im Juni 2020 trotz mehrmaliger Verschiebung keinen testierten Jahresabschluss vorlegte, büßte die Aktie in drei Tagen rund 90 Prozent ihres Wertes ein. Unzählige Anleger verloren ihr Geld. Die Deutsche Börse stellte ihre Reputation infrage, denn obwohl Wirecard Insolvenz angemeldet hatte und bankrott war, erlaubte die Börsenordnung das vorzeitige Ausscheiden aus dem Index nicht. Wirecard blieb bis Ende August Teil der DAX-Elite.

Mit einem umfassenden Maßnahmenpaket beabsichtigt die Deutsche Börse, das verlorene Vertrauen wieder herzustellen. Neben der Erweiterung des DAX, müssen Kandidaten für den Leitindex vor der Aufnahme mindestens zwei Jahre hintereinander ein positives EBITDA, also Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, erwirtschaftet haben (Profitabilitätsanforderung). Außerdem sind alle Werte der Auswahlindizes (DAX, MDAX, SDAX und TecDAX) verpflichtet, Geschäfts- und Zwischenberichte zu veröffentlichen. Eine Mitgliedschaft im Transparenzsegment Prime Standard ist merkwürdigerweise nicht mehr erforderlich. Der Geschäftsbericht muss innerhalb von 90 Tagen vorliegen. Eine einmalige Verlängerung von 30 Tagen ist möglich, ansonsten endet die Mitgliedschaft im Index. Außerdem wird die Zusammensetzung des Leitindex nicht mehr nur einmal im Jahr regulär, sondern jeweils im März und im September überprüft. Als Kriterium werden nur noch die Marktkapitalisierung des Freefloats (frei handelbare Aktien) sowie eine Mindestliquidität herangezogen.

Mit der in Kürze erfolgenden Erweiterung des DAX steigt die Zahl der Index-Werte um 33 Prozent. Die Börse will damit unter anderem ein besseres und breiteres Abbild der börsennotierten Unternehmen in Deutschland schaffen. So gilt der DAX als Index klassischer Branchen wie Chemie, Automobil oder Versicherung, während Technologiewerte unterrepräsentiert sind. Mit der Erweiterung verlieren einzelne Werte und Branchen an Dominanz und das Leitbarometer dürfte künftig weniger schwankungsanfällig sein. Der DAX dürfte dann künftig rund 90 Prozent der Marktkapitalisierung börsennotierter Unternehmen in Deutschland repräsentieren, statt wie bisher etwa 70 Prozent.

Zu den Favoriten für die neuen Plätze gehören unter anderem der Flugzeugbauer Airbus, die Siemens Tochter Healthineers, der Spezialist für Labor- und Pharmatechnologie Sartorius oder der Online-Händler Zalando, der Aromahersteller Symrise sowie der Kochboxen-Versender Hello Fresh.

Kritisch zu sehen ist sicherlich die Verkleinerung des MDAX für die mittelgroßen Werte. Fraglich ist auch die Orientierung am EBITDA, die es erlaubt, dass ein Unternehmen, ohne unter dem Strich Gewinn zu erwirtschaften, in den DAX aufgenommen werden könnte. Im Fall Delivery Hero spielt das keine Rolle, da der Wert bereits im vergangenen Jahr, vor Einführung der Neuregelung, als DAX-Mitglied aufgenommen wurde. Diskutiert wurde auch eine Nachhaltigkeitskomponente für die Aufnahme in den DAX. Diese spielt in der jetzt kommenden Reform aber keine Rolle.

Fazit: Die Erweiterung des DAX wird dem Indexbarometer wohl nicht schaden. Ein Fall wie Wirecard lässt sich so sicherlich nicht verhindern, aber die Auswirkungen am Kapitalmarkt werden verringert. Eine höhere Attraktivität des Themas Kapitalmarkt und Aktie in Deutschland wird die Reform wahrscheinlich auch nicht bringen. Es bleibt dabei, dass die Aktie als Instrument zur Unternehmens- und Wachstumsfinanzierung keine Lobby in Deutschland hat – und auch für die Bundestagswahl nicht finden wird.

 

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# Erweiterung des DAX # Deutsche Börse # Reputation

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